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Tuexenia XX, Göttingen 2004

 

 

Hans Zeidler (1915-2003)

 

Am 6. August 2003 verstarb Professor Dr. Hans Zeidler in Würzburg im Alter von 88 Jahren. Hans Zeidler gehört zu der Generation von Wissenschaftlern, welche die Methoden und die Grundlagen floristisch-pflanzensoziologischer Geobotanik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als Wissenschaft in die Universitäten gebracht haben. Hans Zeidler wurde am 4. April 1915 in Würzburg geboren und ist dort aufgewachsen. Nach Schulzeit und Abitur im Jahre 1934 und nach Ableistung des Reichsarbeitsdienstes studierte er zunächst als Stipendiat des Maximilianeums in München und später in Würzburg die Fächer Botanik, Zoologie, Physik, Chemie, Mineralogie, Geologie und Geographie. Während der Semesterferien arbeitete er in geologischen Forschungsvorhaben und bei der Vegetationskartierung der Provinz Hannover unter Professor Dr. Reinhold Tüxen mit. Das führte ihn schon früh zur Vegetationskunde und speziell auf das Gebiet der Pflanzensoziologie. Im Jahre 1937, schon ein Jahr vor der Promotion, wurde ihm am Botanischen Institut die Verwaltung der Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten angeboten, und das bestimmte seinen weiteren Lebensweg: 1938 erfolgte die Promotion, 1939 das Staatsexamen, dann der Krieg; 1949 die Habilitation und 1955 die Ernennung zum Außerplanmäßigen Professor. Nach Dozenturen in den Jahren von 1956 bis 1963 in Halle/Saale, in Bamberg und in Würzburg wurde er 1963 auf eine Professur für Geobotanik an die TU Braunschweig berufen und kam 1966 als ordentlicher Professor und Ordinarius für Vegetationskunde an die damalige Technische Hochschule Hannover. Hier hat er das Fach Vegetationskunde in die Diplom- und Lehramtsstudiengänge der Biologie und der Geowissenschaften integriert. Von der geobotanischen Erforschung Niedersachsens ausgehend hat er vor allem maßgeblich an der Erfassung der Vegetation von Afrika im Rahmen des Afrika-Kartenwerkes der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitgewirkt. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1981 kehrte Hans Zeidler in seine Heimatstadt Würzburg zurück.

 

Zu seinem 75. Geburtstag am 4. April 1990 widmete unsere floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft ihrem Ehrenmitglied den Band 10 von Tuexenia als Festschrift mit Beiträgen von 55 Autoren, die ein Spektrum von der Floren- und Vegetationsgeschichte, der Biogeographie und vor allem der Pflanzensoziologie abdecken, welches sehr gut das Arbeitsfeld von Hans Zeidler wiedergibt. So hat er die Vegetationskunde immer als integrale Disziplin zwischen Boden- und Klimakunde in Raum und Zeit gesehen.

 

Seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten befassten sich mit der Untersuchung von Pflanzenresten aus obermiozänen Braunkohlen bei Regensburg, die er schon im Jahre 1938, ein Jahr vor seiner Dissertation veröffentlichte. Auch seine Doktorarbeit bei Professor Burgeff war der Vegetationsgeschichte gewidmet, die im Jahre 1939 mit dem Thema: „Untersuchungen an Mooren im Gebiet des mittleren Mainlaufs“ publiziert wurde. Das Staatsexamen für das Höhere Lehramt in Biologie, Chemie und Geographie legte er noch 1939 kurz vor Kriegsbeginn ab. Noch im gleichen Jahr wurde er zum Wehrdienst bei der Luftwaffe einberufen. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zur „Forschungsstaffel des Oberkommandos der Wehrmacht“ versetzt, einer Gruppe von naturwissenschaftlichen Fachleuten, die den Auftrag hatte, Grundlagen der Land- und Forstwirtschaft zu erarbeiten und Karten über die Befahrbarkeit von Gelände mit Panzern und Luftlandemöglichkeiten zu erstellen. Dieses brachte ihn an die Weichsel, in die Ukraine, nach Griechenland und auf den Balkan: „Eine große Exkursion“ – wie er gern zu sagen pflegte, und frühe Kartierungstätigkeiten mit Ernst Preising, Wilhelm Lohmeyer, Heinrich Wagner und Erich Oberdorfer in den Kriegsjahren waren für den damals jungen Doktor der Naturwissenschaften ein neues Arbeitsfeld anstelle des angestrebten Lehrberufes am Gymnasium. Im Jahre 1945 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte nach Würzburg zurück. Die Kriegseinsätze hatten ihm Kenntnisse neuer Lebensräume erschlossen.

 

Nach den Wiederaufbauarbeiten des völlig zerstörten Würzburger Botanischen Institutes war er seit 1946 auch an der Wiedereinrichtung der akademischen Lehre beteiligt. Im Jahre 1949 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Wiesengesellschaften aus dem südöstlichen Europa, für die er ja Aufnahmematerial während seines Einsatzes in der Forschungsstaffel gewonnen hatte. Auch die Vegetationskartierung betrieb er intensiv weiter: So folgten Grünlandkartierungen im Maintal (1959) und zusammen mit Rotraud Straub die vegetationskundlichen Erläuterungen zur Bodenkarte von Bayern 1:25 000, Blatt Würzburg, ebenfalls im Jahre 1959. Besonders wichtig ist auch das Beiheft 7 „Vegetationsgeographie Nordafrikas“ des Afrika-Kartenwerkes der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das er 1984 zusammen mit Helmut Leippert veröffentlichte.

 

Auch von Braunschweig aus blieb er seinem fränkisch-bayerischen Arbeitsgebiet treu: Es folgten Arbeiten zu Ackerunkrautgesellschaften in der südlichen Frankenalb (1962, 1964) und in Ostbayern (1965); über Waldgesellschaften mit Kiefer im Maingebiet (1967) und schließlich die Pflanzengesellschaften von Bodenkategorien in Nordbayern (1968), die er schon von seinem Lehrstuhl in Hannover aus publizierte. Hierher war Hans Zeidler im Jahre 1966 als Ordentlicher Professor für Vegetationskunde an die damalige Fakultät für Gartenbau und Landeskultur der damaligen Technischen Hochschule Hannover berufen worden. Dieses Fachgebiet war bis dahin nebenamtlich von Reinhold Tüxen betreut worden. Zusammen mit seinen Mitarbeitern baute Hans Zeidler einen vielseitigen Lehr- und Forschungsbetrieb auf, wofür die Gebäude erst umgebaut und die Einrichtungen erst geschaffen werden mussten. Trotz großer Widerstände gelang es ihm, das damalige „Institut für Vegetationskunde“ aus der Gartenbaufakultät heraus in den Fachbereich Biologie einzugliedern und alle Aktivitäten künftig hier zu bündeln. So schreibt er am 24. Januar 1988: „Ja, das ist schon sakrisch viel, was da auf einen einstürmt! Wie ich Ende Oktober 1966 im Vorzimmer der „Blauen Grotte“ anfing (= „Keimzelle des Institutes“) und neben Vorlesungen (Vegetationskunde, Ökologie der Pflanzen, Pflanzengeographie) mich „auf der Rutsch“ von einer unbekannten Amtsstelle zur anderen innerhalb der damaligen TH war, bis Mitte Dezember allein, 6 Wochen Bahnfahrt von B. nach H. und zurück – da hätt’ mir’s bald gereicht! Es war einmal, sagen auch die Russen! Unm mer läbt no! Da wird man vom „unbeteiligten“ „Diätendozenten“, der nix zu verwalten hat (mangels Masse), plötzlich an eine Verwaltungsspitze gesetzt, au weh! Darüber nie eine (einführende) Vorlesung oder „Übungen“ mitgemacht, ohne juristische Ader! Eppur si muove – hat der Galilei gemeint – und wirklich, „es“ hat sich bewegt – und wie lebhaft in den folgenden 14 Jahren!“

 

Die Entwicklung des Institutes wurde durch seine konziliante Art und das dort herrschende gute Betriebsklima sehr gefördert. Die Lehrveranstaltungen richteten sich auf der einen Seite an Studenten der Landespflege, auf der anderen Seite an Studenten der Biologie, zunächst nur mit dem Studienziel Lehramt, später auch mit dem Studienziel Diplom. Eine große Zahl von Studierenden wurde durch das vielseitige Wissen und das freundliche und hilfsbereite Verhalten von Hans Zeidler an die Vegetationskunde herangeführt.

 

Großen Wert legte Hans Zeidler in Hannover auf eine enge Zusammenarbeit mit anderen Fachgebieten wie Zoologie, Geologie, Bodenkunde, physische Geographie und Siedlungsgeschichte. Regelmäßig wurden gemeinsame Exkursionen unternommen, die sich bei den Teilnehmern großer Beliebtheit erfreuten. Gemeinsame wissenschaftliche Untersuchungen wurden durchgeführt. Elf Dissertationen und etwa dreißig Examensarbeiten für Biologie wurden in dieser Zeit unter seiner Leitung angefertigt und so die geobotanische Erforschung Niedersachsens ein gutes Stück vorangebracht.

 

Ein besonderes Anliegen war Hans Zeidler stets die Vermittlung naturwissenschaftlicher und in diesem Zusammenhang natürlich die Weitergabe vegetationskundlicher und ökologischer Kenntnisse an junge Menschen. Mit großem persönlichen Engagement widmete er sich daher der Ausbildung seiner Studenten, die er durch seine tief empfundene Freude an der Natur zu begeistern und zu motivieren wusste. Seine Sachkenntnis würzte er dabei geschickt mit einer Portion Humor, so dass er vielen seiner ehemaligen Schüler noch heute als besonders beliebter Hochschullehrer in Erinnerung geblieben ist. Denn für Hans Zeidler war „Lehre“ im klassischen Sinne keine lästige Pflicht, sondern Teil des universitären Lebens und persönliche Aufgabe zugleich.

 

In den Jahren nach seiner Emeritierung entwickelte Professor Zeidler in Mainfranken erneut eine rege Tätigkeit. Professor Dr. Otto L. Lange und das Botanische Institut der Universität Würzburg gewährten ihm quasi „Asyl“, und er half dort bei der Geländebetreuung von Diplom- und Doktorarbeiten. Dort am „Gastinstitut“ wurde im Jahre 1990 im Kreise seiner Freunde und Kollegen auch der 75. Geburtstag Hans Zeidlers gefeiert, und der Jubilar war dabei und prächtig in Form. So hatte er noch im Ruhestand viele Personen um sich, die von ihm lernten. Er war tätig unter anderem für die Regierung von Unterfranken, den Bund Natur- und Umweltschutz, den Naturwissenschaftlichen Verein Würzburg und vor allem für den Förderverein für Umwelterziehung, der naturkundliches Wissen an Kinder und Jugendliche weitergibt.

 

Mit den Kolleginnen und Kollegen der Geobotanik und der anderen Disziplinen im Fachbereich Biologie der Universität Hannover hat er in den Jahren seines Ruhestandes als Emeritus noch lange Jahre intensiven Kontakt aufrecht erhalten, und sein guter Rat war immer sehr gefragt. Wir haben ihn in Würzburg besucht und mit ihm seine Exkursionsziele in Süddeutschland aufgesucht. Da war er in seinem Element: Feuchtwiesen, Kiefernwälder, Xerothermvegetation, vom Steigerwald über das Elsass bis nach Südfrankreich reichte immer wieder sein geographisches Spektrum bis ins hohe Alter, als seine Kräfte nachließen und seine Sehfähigkeit schlechter wurde. Die letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen, vom Alter gezeichnet in Rollstuhl und Krankenlager. Seiner großen Familie, vor allem seiner Frau, seinen vier Kindern und den Enkelkindern gilt unser Mitgefühl. Wir werden Professor Zeidler in guter Erinnerung halten und sein wissenschaftliches Werk fortsetzen.

 

 

Richard Pott, Hannover

am 1. November 2003

 

 

Zitierte Schriften:

 

Haun, F. (1990): Verzeichnis der Schriften von Hans Zeidler. – Tuexenia 10:13-15.

 

Hofmann, W. (1980): Hans Zeidler zum 75. Geburtstag. – Tuexenia 10: 9-12.

 

Zeidler, H. (1938): Pflanzenreste aus der obermiozänen Braunkohle von Viehhausen bei Regensburg. - Palaeontographica Abt. B, 83. Stuttgart.

 

Zeidler, H. (1939): Untersuchungen an Mooren im Gebiet des mittleren Mainlaus. – Ztschr. f. Botanik 34: 1-66.

 

Zeidler, H. (1939): Pflanzensoziologisches Gutachten zur Ufer- und Dammbepflanzung von Schiffahrtskanälen. – Deutsche Wasserwirtschaft 34 (11): 479-480. München, Stuttgart.

 

Zeidler, H. (1948): Wiesengesellschaften aus dem südöstlichen Europa. – Habilitationsschrift Naturwiss. Fakultät Würzburg vom 23.11.1948. Mskr.: 70 S.

 

Zeidler, H. (1958): Die Pflanzendecke. – In: Brunnacker, K.: Erläuterungen zur Bodenkarte von Bayern 1:25.000, Blatt 6125, Würzburg-Nord. München.

 

Zeidler, H. & R. Straub (1959): Die Pflanzendecke. – In: Brunnacker, K.: Erläuterungen zur Bodenkarte von Bayern 1:25.000 Blatt 6227, Iphofen: 82-113. München.

 

Zeidler, H. (1962): Vegetationskundliche Beobachtungen an Ackerunkrautbeständen in der südlichen Frankenalb. – Bayr. Landw. Jahrbuch 39, Sonderheft 1: 19-32. München.

 

Zeidler, H. (1964): Die Pflanzensoziologie in Niedersachsen. – In: Naturschutz in Niedersachsen 3 (5/6): 12-20. Hannover.

 

Zeidler, H. (1965): Ackerunkrautgesellschaften in Ostbayern. – Bayer. Landw. Jahrbuch 42, Sonderheft 5: 13-30. München.

 

Zeidler, H. & R. Straub (1967): Waldgesellschaften mit Kiefer in der heutigen potentiellen natürlichen Vegetation des mittleren Maingebietes. – Mitt. Flor.-soz. Arbeitsgem. N. F. 11/12: 88-126. Todenmann ü. Rinteln.

 

Zeidler, H. (1968): Pflanzengesellschaften von Bodenkategorien in Nordbayern. – Bayer. Landw. Jahrbuch 45, Sonderheft 3: 15-32. München.

 

Zeidler, H. (1969): Die Vegetation in der Umgebung von Hannover. – Mitt. Dt. Bodenkundl. Ges. 9: 21-27. Göttingen.

 

Zeidler, H., H. Leippert & R. Wolff-Straub (1969): Die wichtigsten Waldgesellschaften am Schwanberg in ihren klimatischen und bodenkundlichen Aussagen. – Mitt. Flor.-soz. Arbeitsgem. N. F. 14: 398-415. Todenmann ü. Rinteln.

 

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